Direkt zum Hauptbereich

Zwei Millionen Kinder und Jugendliche von den "Neuen Morbiditäten" betroffen

Sozialpädiater fordern neue Versorgungsansätze für sozial beanachteiligte Kinder


Berlin/Suhl (ots) - Haben Sie schon mal etwas von "Neuen Morbiditäten" gehört? Den Begriff vielleicht nicht, aber was dahintersteckt mit Sicherheit schon. Denn bis zu 20 % aller Kinder eines Jahrgangs sind heute zum Beispiel von ADHS, Störungen der sprachlichen und motorischen Entwicklung, Adipositas oder Medienabhängigkeit betroffen sein. Und das sind genau die so genannten "Neuen Morbiditäten",die sich bei rund 2 Millionen Kindern und Jugendlichen in Deutschland nachweisen lassen.

Überall werden Anstiege der so genannten "Neuen Morbiditäten" vermeldet, sei es bei Verhaltensstörungen, funktionellen Störungen der geistigen Entwicklung und Motorik oder bei Essstörungen oder auch - gerade neuerdings - bei der Internetsucht. Somit findet in der Kinder- und Jugendmedizin eine deutliche Schwerpunktverlagerung im Krankheitsspektrum statt. Primär körperliche Krankheiten treten hinter psychischen oder verhaltensabhängigen Störungen zurück. Diese Störungsbilder sind keinesfalls neu; neu ist aber ihre deutliche Zunahme", stellt Dr. Carsten Wurst aus Suhl, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ), fest.

Gute wissenschaftliche Belege zeigen, dass der sozioökonomische Status der Familie den weitaus wichtigsten Einfluss auf die kindliche Entwicklung hat. Denn nach Daten des für Deutschland repräsentativen "Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS)" ist das Erkrankungsrisiko für diese Störungen bei Kindern der untersten im Vergleich zur obersten Sozialschicht um das 3-fache erhöht! Sozialer Stress, geringe Bildung und eingeschränkte Problembewältigungsstrategien in kritischen Lebenslagen der Eltern sorgen dafür, dass emotionale Grundbedürfnisse von Kindern nicht erfüllt und Entwicklungspotenziale so nicht ausgeschöpft werden können.

Für die meisten der betroffenen Kinder und Jugendlichen ist der Kinder- und Jugendarzt oft der erste Ansprechpartner, wenn es Entwicklungsprobleme gibt. Kein Wunder, dass die Verordnungen von Frühförderung, Heilmitteln wie Ergotherapie oder Logopädie und von Psychopharmaka zuletzt deutlich zugenommen haben. Doch Vorsicht: Therapien dieser Art lindern im Einzelfall zwar durchaus die Symptome. Zugleich ist es aber häufig mit der rein medizinischen Behandlung im engeren Sinne nicht getan. Um die tieferliegenden strukturellen Probleme eines Kindes unter Berücksichtigung des gesamten psychosozialen Umfeldes berücksichtigen können, bedarf es weitergehender sozialpädiatrischer Ansätze.

Antworten darauf, wie dieses Dilemma gelöst werden könnte, hat die Gesundheitspolitik bislang noch nicht gefunden. Deshalb sind neue Konzepte überfällig, die viel stärker präventiv ausgerichtet sein müssen, ist Wurst überzeugt. Das frühzeitige Erkennen psychosozialer Belastungsfaktoren eines Kindes im Rahmen einer vorausschauenden Beratung soll daher nun in Kürze bei den Früherkennungsuntersuchungen (U-Untersuchungen) stärker in den Fokus rücken. Zusätzlich bedarf es einer weit besseren Vernetzung mit den Systemen der Jugendhilfe, der Frühförderung und der Bildung. Mit den Frühen Hilfen" ist hier ein erster Pfeiler gesetzt worden, der aber noch auf sehr wackeligen Füßen steht. Die kontinuierliche Einbindung von Kinder- und Jugendärzten in vorhandene Netzwerke gelingt zwar in Einzelfällen gut, ist aber keineswegs flächendeckend realisiert.

Einen Hoffnungsschimmer bietet das 2015 verabschiedete Präventionsgesetz, das nun aber erst einmal bis in die Länder und gerade auch bis in die Kommunen vordringen muss. Und genau hier vor Ort liegt der Ansatz, mit dem man sozial benachteiligte Kinder in bestimmten Regionen und Stadtteilen überhaupt nur erreichen wird. Und zwar über niedrigschwellige Anlaufpunkte wie etwa in - auch von Kinder- und Jugendärzten mit begleiteten - Familienzentren oder über Aufsuchende Mobile Teams in Problembezirken, in denen viele andere Angebote von vornherein verpuffen.

Die begrenzten Möglichkeiten der medizinisch-funktionellen Maßnahmen im Sinne der klassischen Heilung lassen nur diese Schlussfolgerung hin zu solchen Handlungsfeldern zu, meint auch DGSPJ-Präsident Dr. Christian Fricke aus Hamburg. Dies ist zweifellos eine der größten Herausforderungen für die Sozialpädiatrie und die gesamte Kinder- und Jugendmedizin. Damit sich die so genannten "Neuen Morbiditäten" nicht noch weiter ausbreiten können.

Pressekontakt:


Dr. med. Carsten Wurst
eMail: carsten.wurst@zs.srh.de

Presseportal

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

"Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums" (NDR/MDR/KiKA/rbb)

Verhängnisvolle Schwindeleien bei LOLLYWOOD am 31. Januar 2020 Erfurt (ots) - Wie drei Lügen die Welt von Matti nach und nach in Schieflage bringen, zeigt KiKA am 31. Januar 2020 um 19:30 Uhr bei LOLLYWOOD in der Verfilmung des erfolgreichen Kinder- und Jugendromans " Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums " (NDR/MDR/KiKA/rbb) von Salah Naoura. Das Universum muss durcheinander geraten sein, findet der zehnjährige Matti (Mikke Rasch) - und zwar durch die unzähligen Lügen der Erwachsenen um ihn herum: Sein Vater Sulo (Tommi Korpela) behauptet, er habe einen neuen Job in der Schweiz, seine Mutter (Sabine Timoteo) schwindelt sich gemeinsam mit der Zeitung einen Delfin in den Ententeich und die vermeintlichen monatlichen Spenden aus der Familienkasse für Tiere in Not, gibt es auch nicht. Um das Gleichgewicht im Universum wieder herzustellen, beschließt Matti, selbst einige Lügen in die Welt zu setzen und hofft, damit dem Glück ein wenig nachzuhelfen. Mit H...

Studie ermittelt: Das kostet ein Schulleben in Deutschland - #Schule

Berlin (ots) - Die Einschulung steht vor der Tür, aber die wenigsten Eltern wissen, welche Kosten auf sie zukommen, wenn ihr Kind in die Schule kommt. Das Vergleichs- und Shoppingportal idealo hat die Schulausgaben in Deutschlands Bundesländern etwas genauer unter die Lupe genommen und dabei Kosten wie Einschulung, Erstausstattung, Bücher- und Essenskosten, Verkehrstickets, Arbeitsmaterialien sowie Ausgaben für Klassenfahrten und Hortbetreuung, den mit Abstand am teuersten Kostenpunkt, kalkuliert* - das Ergebnis: Ein Schulleben in Deutschland kostet von der Einschulung bis zum Abitur durchschnittlich 20.700 Euro. Zur Einschulung geben alle Bundesländer in etwa 425 bis 525 Euro** aus, somit gestaltet sich der Start fast überall gleich. Doch ab dem ersten Schultag gehen die Kosten stark auseinander, Preisschwankungen sind im Bundesvergleich deutlich erkennbar. Das Schulleben ist in Niedersachsen am teuersten obs/ Idealo Internet GmbH/ idealo internet GmbH Mit 27.300 Euro ist ei...

Digitale Bildung: E-Books an Schulen vor dem Durchbruch #debk #Bildung

Düsseldorf (ots) - Laut einer PwC-Studie könnte der Anteil von E-Books an den Gesamterlösen im Schulbuchmarkt bis 2021 auf fast 40 Prozent steigen / 53 Prozent der Bundesbürger zeigen sich inzwischen offen für elektronische Schulbücher / In Haushalten mit schulpflichtigen Kindern liegt die Zustimmung sogar bei 59 Prozent / Befragte sehen geringeres Gewicht und ständige Aktualität des Lehrmaterials als wichtige Vorteile / PwC-Experte Ballhaus: "Die Frage, wann das E-Book in die Schulen kommt, ist für viele Verlage hierzulande existenziell" An vielen deutschen Schulen könnte der Einsatz elektronischer Lehr- und Lernmaterialien schon bald der Normalfall sein - das geht aus einer Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PwC hervor. Demnach könnte der digitale Anteil an den Gesamterlösen im Schulbuchmarkt von derzeit 4,3 Prozent bis 2021 auf fast 40 Prozent steigen. Eltern signalisieren Unterstützung für die Umstellung: So zeigt eine separat durchgeführte repräs...